Armut als Teil kindlicher Benachteiligung

Reiche, kluge, glückliche Kinder?

Kinderarmut in Deutschland ist seit den 1990er Jahren unter dem Stichwort „Infantilisierung“ der Armut mehr und mehr in den Fokus von Politik, Medien und Gesellschaft gerückt. Die Messung von Kinderarmut hat sich seitdem zu einem häufig verwendeten Kriterium entwickelt, um das Ausmaß kindlicher Benachteiligung hierzulande zu beschreiben. Der Armutsbegriff in wohlhabenden Ländern wie der Bundesrepublik ist dabei als relationales Konstrukt zu verstehen und orientiert sich an der Verteilung materieller Ressourcen in der gesamten Gesellschaft. In diesem Sinne ist Armut ein Zustand von vergleichsweise geringer Ausstattung mit ökonomischen Mitteln.
Armut als Teil kindlicher Benachteiligung

Foto: stm/photocase.de

Die meisten Berechnungsvarianten kindlicher Einkommensarmut basieren auf einer grundlegenden Gemeinsamkeit: Der Annahme, dass Kindern über den Haushalt in dem sie leben, dem darin erzielten Einkommen und den darin lebenden Personen ein quasi eigenes Einkommen zugewiesen werden kann. Die Berechnung dieses sogenannten pro Kopf gewichteten Haushaltsnettoeinkommens ist eine Grundvoraussetzung, um Aussagen über die relative Armut von Kindern treffen zu können.

Berechnung von KinderarmutDas Pro-Kopf-Einkommen wird über einen Gewichtungsfaktor jeder im Haushalt lebenden Person zugewiesen. Von der Gesamtverteilung dieser Pro-Kopf-Einkommen wird ein Mittelwert ermittelt – meist der sogenannte Median. Personen, die mit ihrem gewichteten Pro-Kopf-Einkommen unterhalb einer bestimmten Grenze ausgehend vom Mittelwert liegen, gelten als relativ arm oder von Armut bedroht. Häufig gelten Erwachsene wie auch Kinder als relativ arm, wenn das ihnen zugewiesene Pro-Kopf-Einkommen weniger als 60 Prozent des Medians aller deutschen haushaltsgewichteten Nettoäquivalenzeinkommen beträgt. Diese Schwelle wird als Armuts- oder auch Armutsrisikogrenze bezeichnet und ist eine häufig verwendete Maßzahl für die Darstellung von relativer Armut. Die Kinderarmutsquote gibt entsprechend den prozentualen Anteil der Kinder an, deren Pro-Kopf-Einkommen unterhalb der Armutsgrenze liegt.

Bekämpfung von KinderarmutIn der Literatur zu Kinderarmut lassen sich im Grunde zwei Strategien finden, diese Form der Benachteiligung zu bekämpfen: Die erste ist die direkte Bekämpfung beziehungsweise Senkung der Kinderarmut beispielsweise durch familien-, arbeits- und sozialpolitische Maßnahmen. Nordrhein-Westfalen lag in 2012 laut Report 11 des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung mit 21,8 Prozent Kinderarmut im innerdeutschen Mittelfeld. Aus dem Mikrozensus ergibt sich für Gesamtdeutschland eine Kinderarmutsquote von 18,9 Prozent, wobei Bayern und Baden-Württemberg mit 11,7 und 13,2 Prozent die Spitzenreiter und Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mit 33,7 beziehungsweise 33,5 Prozent die Schlusslichter in der Kinderarmutsbekämpfung bilden. Die Bundesländer selbst haben begrenzte Handlungsspielräume bei der direkten Bekämpfung von Kinderarmut, weil viele Maßnahmen auf Bundesebene geregelt werden. Problematisch ist eine hohe Kinderarmut vor allem deshalb, weil sie negative Auswirkungen auf andere Lebensbereiche und auf die zukünftigen sozialen Teilhabechancen von Kindern hat. 

Zufriedenheit und BildungschancenDer UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland „Reiche, kluge, glückliche Kinder?“ zeigt unter anderem, dass Kinder, die bis zu ihrem 17. Lebensjahr lange und häufig unterhalb der Armutsgrenze gelebt haben, deutlich häufiger unterdurchschnittlich mit ihrem Leben zufrieden sind. Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und ein negatives Selbstbild erschweren die Partizipation am Arbeitsmarkt und am sozialen Leben und sind mögliche Spätfolgen von Kinderarmut. Ein zweiter Ansatz zur Reduktion ökonomischer Benachteiligung von Kindern ist die Bekämpfung eben jener negativen Auswirkungen, die am Beispiel des subjektiven Wohlbefindens beschrieben wurden. Diese Ansätze werden häufig unter dem Stichwort der Resilienz diskutiert und zielen darauf ab, Kinder mit wirksamen Schutzfunktionen zu stärken. Eine dieser möglichen Schutzfunktionen ist die Verbesserung von Bildungschancen, wobei die Bundesländer wegen ihrer Bildungshoheit deutlich mehr Gestaltungsmöglichkeiten haben als bei der direkten Armutsbekämpfung.

Bedingungslose KindergrundsicherungDer Bildungsmonitor 2012 vergleicht über verschiedene Indikatoren die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen in den Bundesländern. Nordrhein-Westfalen ist diesbezüglich weniger erfolgreich: Das Land kann hier vor dem Saarland, Berlin und Schleswig-Holstein lediglich den 13. Platz für sich beanspruchen. NRW kann daher im Bundesländervergleich insgesamt eine durchschnittliche Kinderarmutsquote bei vergleichsweise mäßigen Bildungschancen verzeichnen. Sowohl Kinderarmut als auch Bildungschancen sind zwar wichtige, aber nicht die einzigen Dimensionen kindlicher Benachteiligung – das Bild für NRW bleibt daher unscharf. Gesundheit, soziale Beziehungen oder subjektives Wohlbefinden und deren Wechselwirkungen müssen ebenfalls einbezogen werden, wenn der Blick für kindliche Benachteiligung geschärft werden soll. Um zu verhindern, dass sich lang andauernde Armutserfahrungen negativ auf den Lebensverlauf auswirken, müssen Missstände frühzeitig identifiziert und betroffene Familien gezielt unterstützt werden – materiell und sozial. Eine bedingungslose Kindergrundsicherung ist ein effektiver Weg, Kinderarmut zu verringern.

Steffen Kohl // In: nds 6/7-2014

Prof. Dr. Hans Bertram von der Humboldt-Universität zu Berlin zum UNICEF-Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland 2013: „Die Ergebnisse sollten daran erinnern, dass Bindungen, Liebe und Zuneigung, stabile Beziehungen und das Gefühl, von anderen auch akzeptiert zu werden, die zentralen Voraussetzungen für die gelingende kindliche Entwicklung sind. Dass subjektive Faktoren in der deutschen Diskussion um Kinder kaum eine Rolle spielen, hängt möglicherweise auch damit zusammen, dass wir in der Politik wie auch in den entsprechenden Institutionen immer schon dann zufrieden sind, wenn die objektiven Bedingungen in sich stimmig sind; dann übersehen wir möglicherweise zu prüfen, inwieweit die Sicht der Kinder mit dieser objektiven Einschätzung tatsächlich übereinstimmt.“